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Nicht der Himmel bringt das Glück; der Mensch bereitet sich sein Glück und spannt seinen Himmel selber in der eigenen Brust. Der Mensch soll nicht sorgen, daß er in den Himmel, sondern daß der Himmel in ihn komme. Wer ihn nicht in sich selber trägt, der sucht ihn vergebens im ganzen All.
- Otto Ludwig, 1856.
Zwischen Himmel und Erde wohnt die Einsiedlerin, die lärmende Großstadt unter, Amseln und einen meerblauen Himmel mit einer Flotte Wolken-Trieren über sich. Aber seit einigen Tagen ist die Einsiedelei nicht mehr so einsam: Dachdecker schweißen eine neue Dachpappe fest, wo sonst Krähen hocken und produzieren regelmäßige Pechschwaden, die Blumenblätter, Bücher und Beine hübsch sprenkeln. Einen solchen Bitumenschauer nahm ich zum Anlass, die einzige Dachdeckererzählung der deutschen Sprache nach 15 Jahren erneut zur Sommerlektüre zu machen.
Zunächst kann ich entwarnen: Natürlich wird in diesem kleinen vergessenen Text eines vergessenen Schriftstellers keine langweilige Dachpappe verlegt. (Die Handwerkergespräche, die ich täglich mitanhören muss, eignen sich auch nicht für eine literarische Verarbeitung.) Alte, ehrwürdige Kirchtürme werden erklommen und bekommen unter Umgehung vieler Gefahren und Widrigkeiten eine neue Eindeckung aus Schiefer. Ganz so, wie es Otto Ludwig aus seiner thüringischen Heimat Eisfeld kannte und wie es dort bis heute Usus ist. Und wie der Zufall es will, eignet sich die luftige Höhe ungemein gut als dramatische Kulisse für das zentrale Motiv: Die feindlichen Brüder.
Die begleitenden Themen der Erzählung sind nur zu bekannt und überraschen nicht bei einem Werk dieser Zeit: Es geht mal wieder um Ehre, Moral, Opfer und Buße, im Zentrum die beiden Brüder Apollonius (!) und Fritz Nettenmair. Letzterer missgünstig, schuldhaft verstrickt und sich immer weiter verstrickend, ersterer geradezu provozierend sanftmütig und duld- und arbeitsam. Aber erwartet man unter deutschen Handwerkern wirklich Helden à la Dostojewski?
Dann gibt es Momente, in denen das Biedere zwar nicht eloquenter, aber die Einsicht tiefer wird, und die Konsequenz, mit der sich die Geschichte entwickelt, mitreißend. Augenblicke, in denen der Erzähler ruhig die Gesetzmäßigkeiten aufdeckt, nach denen die Protagonisten offenbar handeln müssen: Wer ein scharfes Auge hätte, die Herzensfäden alle zu sehen, die sich spinnen die Straßen entlang über Hügel und Tal, dunkle und helle, je nachdem Hoffnung oder Entsagung an der Spule saß, ein traumhaftes Gewebe! Manche reißen, helle dunkeln, dunkle werden hell; manche bleiben ausgespannt, solang die Herzen leben, aus denen sie gesponnen sind; manche ziehen mit unentrinnbarer Gewalt zurück.
Wer sollte sich solchen Banden entziehen können? Ludwig gibt keine psychologischen Erklärungen, warum die Figuren handeln, wie sie handeln. Dazu sind die Kräfte, die wirken, zu unbändig. Sie alle werden in die Untiefen des Lebens gerissen, und jeder versucht auf seine Weise, diese zu umschiffen oder aus ihnen herauszukommen. Das Spannende an Ludwigs Schilderung ist nicht, ob die Handelnden ihr Schicksal ändern, sondern wie sie dem Unausweichlichen begegnen. Fritz Nettenmair schließlich verirrt sich in den undurchdringlichen Weben: [Er] stand noch und sah in die weißgrauen Nebel hinein, in denen der Geselle verschwunden war. Sie hingen wagrecht über den Wiesen an der Straße wie ein ausgebreitet Tuch. Sie stiegen empor und verdichteten sich zu seltsamen Gestalten, sie kräuselten sich, flossen auseinander und sanken wieder nieder, sie bäumten wieder auf. Sie hingen sich in das Gezweig der Weiden am Weg, und wie sie diese bald verhüllten, bald frei ließen, schien es ungewiß, gerann der Nebel zu Bäumen oder zerflossen die Bäume zu Nebel. Es war ein traumhaftes Treiben, ein unermüdliches Weben ohne Ziel und Zweck. Es war ein Bild dessen, was in Fritz Nettenmairs Seele vorging, ein so ähnlich Bild, daß er nicht wußte, sah er aus sich heraus oder in sich hinein.
Solche und andere Passagen (besonders die auf dem Turmdach) entschädigen für die ein wenig langatmigen Stellen mit der Schilderung bürgerlicher Gewissensbisse. Sie zeugen vom Können des Schriftstellers, dessen Wiegenfest sich 2013 zum 200sten Mal jährt. Die Stadt Eisfeld hat sich deshalb dazu entschlossen, im kommenden Jahr neben dem beliebten Kuhschwanzfest auch dieses Jubiläum zu begehen. Möge es Otto Ludwig ein paar neue Leser bescheren, er hat es verdient.








































