Zwischen Himmel und Erde

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Nicht der Himmel bringt das Glück; der Mensch bereitet sich sein Glück und spannt seinen Himmel selber in der eigenen Brust. Der Mensch soll nicht sorgen, daß er in den Himmel, sondern daß der Himmel in ihn komme. Wer ihn nicht in sich selber trägt, der sucht ihn vergebens im ganzen All.

Der Autor (Quelle: Deutsche Fotothek)

- Otto Ludwig, 1856.

Zwischen Himmel und Erde wohnt die Einsiedlerin, die lärmende Großstadt unter, Amseln und einen meerblauen Himmel mit einer Flotte Wolken-Trieren über sich. Aber seit einigen Tagen ist die Einsiedelei nicht mehr so einsam: Dachdecker schweißen eine neue Dachpappe fest, wo sonst Krähen hocken und produzieren regelmäßige Pechschwaden, die Blumenblätter, Bücher und Beine hübsch sprenkeln. Einen solchen Bitumenschauer nahm ich zum Anlass, die einzige Dachdeckererzählung der deutschen Sprache nach 15 Jahren erneut zur Sommerlektüre zu machen.

Zunächst kann ich entwarnen: Natürlich wird in diesem kleinen vergessenen Text eines vergessenen Schriftstellers keine langweilige Dachpappe verlegt. (Die Handwerkergespräche, die ich täglich mitanhören muss, eignen sich auch nicht für eine literarische Verarbeitung.) Alte, ehrwürdige Kirchtürme werden erklommen und bekommen unter Umgehung vieler Gefahren und Widrigkeiten eine neue Eindeckung aus Schiefer. Ganz so, wie es Otto Ludwig aus seiner thüringischen Heimat Eisfeld kannte und wie es dort bis heute Usus ist. Und wie der Zufall es will, eignet sich die luftige Höhe ungemein gut als dramatische Kulisse für das zentrale Motiv: Die feindlichen Brüder.

Hochsteigen kommt vor dem Fall

Die begleitenden Themen der Erzählung sind nur zu bekannt und überraschen nicht bei einem Werk dieser Zeit: Es geht mal wieder um Ehre, Moral, Opfer und Buße, im Zentrum die beiden Brüder Apollonius (!) und Fritz Nettenmair. Letzterer missgünstig, schuldhaft verstrickt und sich immer weiter verstrickend, ersterer geradezu provozierend sanftmütig und duld- und arbeitsam. Aber erwartet man unter deutschen Handwerkern wirklich Helden à la Dostojewski?

Dann gibt es Momente, in denen das Biedere zwar nicht eloquenter, aber die Einsicht tiefer wird, und die Konsequenz, mit der sich die Geschichte entwickelt, mitreißend. Augenblicke, in denen der Erzähler ruhig die Gesetzmäßigkeiten aufdeckt, nach denen die Protagonisten offenbar handeln müssen: Wer ein scharfes Auge hätte, die Herzensfäden alle zu sehen, die sich spinnen die Straßen entlang über Hügel und Tal, dunkle und helle, je nachdem Hoffnung oder Entsagung an der Spule saß, ein traumhaftes Gewebe! Manche reißen, helle dunkeln, dunkle werden hell; manche bleiben ausgespannt, solang die Herzen leben, aus denen sie gesponnen sind; manche ziehen mit unentrinnbarer Gewalt zurück.

Wer sollte sich solchen Banden entziehen können? Ludwig gibt keine psychologischen Erklärungen, warum die Figuren handeln, wie sie handeln. Dazu sind die Kräfte, die wirken, zu unbändig. Sie alle werden in die Untiefen des Lebens gerissen, und jeder versucht auf seine Weise, diese zu umschiffen oder aus ihnen herauszukommen. Das Spannende an Ludwigs Schilderung ist nicht, ob die Handelnden ihr Schicksal ändern, sondern wie sie dem Unausweichlichen begegnen. Fritz Nettenmair schließlich verirrt sich in den undurchdringlichen Weben: [Er] stand noch und sah in die weißgrauen Nebel hinein, in denen der Geselle verschwunden war. Sie hingen wagrecht über den Wiesen an der Straße wie ein ausgebreitet Tuch. Sie stiegen empor und verdichteten sich zu seltsamen Gestalten, sie kräuselten sich, flossen auseinander und sanken wieder nieder, sie bäumten wieder auf. Sie hingen sich in das Gezweig der Weiden am Weg, und wie sie diese bald verhüllten, bald frei ließen, schien es ungewiß, gerann der Nebel zu Bäumen oder zerflossen die Bäume zu Nebel. Es war ein traumhaftes Treiben, ein unermüdliches Weben ohne Ziel und Zweck. Es war ein Bild dessen, was in Fritz Nettenmairs Seele vorging, ein so ähnlich Bild, daß er nicht wußte, sah er aus sich heraus oder in sich hinein.

Die geprüfte Leseausgabe mit Pechsprenkeln

Solche und andere Passagen (besonders die auf dem Turmdach) entschädigen für die ein wenig langatmigen Stellen mit der Schilderung bürgerlicher Gewissensbisse. Sie zeugen vom Können des Schriftstellers, dessen Wiegenfest sich 2013 zum 200sten Mal jährt. Die Stadt Eisfeld hat sich deshalb dazu entschlossen, im kommenden Jahr neben dem beliebten Kuhschwanzfest auch dieses Jubiläum zu begehen. Möge es Otto Ludwig ein paar neue Leser bescheren, er hat es verdient.

Lieblingsstücke No. 4: Heine, Die romantische Schule

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H.[einrich] Heine: Die romantische Schule. Hamburg: Hoffmann und Campe 1836. Kl.-8°, x, 348 S. Brauner Pappband der Zeit mit goldgeprägtem Rücken.

Erstausgabe

Über manche Bücher spricht man nicht gern, weil man sie so lieb hat. Oder besser: Weil man ihren Verfasser so liebt und ihn aus Eifersucht nicht gerne teilen möchte. Dass ich es hier doch tue, liegt weniger an der Einsicht, dass Heine niemandem gehört (oder wenn, dann natürlich der marxistischen Literaturwissenschaft und der Stadt Düsseldorf am Rhein, die sich keines größeren Sohnes rühmen kann), sondern an dem noch unwiderstehlicheren und oft anstrengenden Drang von Verliebten, ihren holden Abgott überall und immer wieder zum Thema zu machen.

Und dass wahre Liebe sich nicht an Äußerlichkeiten hängt, mag man in diesem Fall sehen: Der Pappband ist in einem Braunton gehalten, der in modernen Autoprospekten “Cappuccino” heißen würde, ich nenne ihn: Modder. Das verblichene rosafarbene Lesebändchen macht die Sache nicht besser und zerkrümelt bei der ersten Berührung, und der schief geprägte Rückentitel gibt dem Buch endgültig den Anschein, aus einer etwas schmuddeligen Leihbibliothek zu stammen.

Passend dazu war vor Zeiten daher die Reaktion meines Herrn Vaters, als er sah, wofür die Tochter ihr Studentengeld ausgab: Ob ich etwa von Sinnen sei, diese Schwarte zu kaufen? Vermutlich war ich es, zumal sich zum mangelhaften Äußeren bei der Lektüre noch ein erst würziger und dann penetranter Brandgeruch einstellte, der sich bis heute im Papier hält. Eine rustikale Ausgabe, kein Liebhaberstück. Aber wer konnte dem Inhalt widerstehen? Es war der erste Prosatext Heines, den ich las, und selten habe ich aus einem Buch über die deutsche Romantik mehr gelernt. Unvergessen ist mir immer sein Vergleich von Hoffmann und Novalis geblieben, den ich ausführlicher zitieren muss:

Ich denke mir nemlich als Muse der Novalisschen Poesie ebendasselbe Mädchen, das mich zuerst mit Novalis bekannt machte, als ich den rothen Maroquinband mit Goldschnitt, welcher den Ofterdingen enthielt, in ihren schönen Händen erblickte. Sie trug immer ein blaues Kleid und hieß Sophia. Einige Stazionen von Göttingen lebte sie bei ihrer Schwester, der Frau Postmeisterin, einer heiteren, dicken, rothbäckigen Frau mit einem hohen Busen, der, mit seinen ausgezackten steifen Blonden, wie eine Festung aussah; diese Festung war aber unüberwindlich, die Frau war ein Gibraltar der Tugend. Es war eine thätige, wirtschaftliche, praktische Frau, und doch bestand ihr einziges Vergnügen darin, Hoffmannsche Romane zu lesen. In Hoffmann fand sie den Mann, der es verstand, ihre derbe Natur zu rütteln und in angenehme Bewegung zu setzen. Ihrer blassen, zarten Schwester hingegen gab schon der Anblick eines Hoffmannschen Buches die unangenehmste Empfindung, und berührte sie ein solches unversehens, so zuckte sie zusammen. Sie war so zart wie eine Sinnpflanze, und ihre Worte waren so duftig, so reinklingend, und wenn man sie zusammensetzte, waren es Verse.

Ich habe die ätherischen Verse des Novalis immer geachtet, aber nie geliebt. Hoffmann, dieser geprüfte Bursche, war mir näher, nur in manchen Augenblicken, wenn er zum Kapellmeister Kreisler mutierte, immer zu aufgedreht. Aber er hat mich besser unterhalten. Beide waren für ihre Leser ungesund, und besser als Heine es tut, kann man dies nicht illustrieren:

Über Voß

Als ich, im Spätherbst 1828, aus dem Süden zurückkehrte [...], führte mich mein Weg in die Nähe von Göttingen, und bei meiner dicken Freundin, der Posthalterin, stieg ich ab, um Pferde zu wechseln. Ich hatte sie seit Jahr und Tag nicht gesehen, und die gute Frau schien sehr verändert. Ihr Busen glich noch immer einer Festung, aber einer geschleiften; die Bastionen rasiert, die zwei Hauptthürme nur hängende Ruinen, keine Schildwache bewachte mehr den Eingang, und das Herz, die Citadelle, war gebrochen. Wie ich von dem Postillon Pieper erfuhr, hatte sie sogar die Lust an den Hoffmannschen Romanen verloren, und sie trank jetzt vor Schlafengehn desto mehr Branntewein. Das ist auch viel einfacher; denn den Branntewein haben die Leute immer selbst im Hause, die Hoffmannschen Romane hingegen mußten sie vier Stunden weit aus der Deuerlichschen Lesebibliothek zu Göttingen holen lassen. Der Postillion Pieper war ein kleiner Kerl, der dabei so sauer aussah, als habe er Essig gesoffen und sei davon ganz zusammengezogen. Als ich diesen Menschen nach der Schwester der Frau Posthalterin befragte, antwortete er: Mademoiselle Sophia wird bald sterben und ist schon jetzt ein Engel. Wie vortrefflich mußte ein Wesen seyn, wovon sogar der saure Pieper sagte, sie sei ein Engel! [...] Das Posthaus, einst lachend weiß, hatte sich ebenso wie seine Wirthin verändert, es war krankhaft vergilbt, und die Mauern hatten tiefe Runzeln bekommen. Im Hofraum lagen zerschlagene Wagen, und neben dem Misthaufen, an einer Stange, hing, zum Trocknen, ein durchnäßter, scharlachroter Postillionsmantel. Mademoiselle Sophia stand oben am Fenster und las, und als ich zu ihr hinaufkam, fand ich wieder in ihren Händen ein Buch, dessen Einband von rotem Maroquin mit Goldschnitt, und es war wieder der Ofterdingen von Novalis. Sie hatte also immer und immer noch in diesem Buche gelesen, und sie hatte sich die Schwindsucht herausgelesen und sah aus wie ein leuchtender Schatten.

Provenienz

Also der Suff oder das allmähliche Dahinschwinden, das sind die Alternativen, vor denen der Leser der deutschen Romantik steht. Charmanterweise stammt auch unser Buch aus einer Leihbibliothek, zumindest dem Stempel auf der ersten Seite nach zu urteilen. Ob es auch von Postmeisterinnen oder deren zarten Schwestern gelesen wurde? Im südmährischen Znaim, nur gut 10 Postmeilen von Wien entfernt, mag das Publikum ein wenig anders gewesen sein. Zumal die Bibliothek den Namen eines honorablen Bürgers der Stadt trägt, den des Buchhändlers Ernst Josias Fournier.

Ob und warum dieser neben der Publikation seiner Bücher diese auch noch verlieh, war nicht herauszubekommen. Auch nicht, wie das schmodderbraune Buch schließlich den Weg aus dem malerischen mährischen Städtchen nach Franken fand, wo ich es vor Jahren in einem Antiquariat in dem ebenso malerischen Bamberg entdeckte.

Erinnert an Bamberg: Znaim

Sicher ist nur, dass ein bekannter Sohn Znaims dieses Buch nie auslieh, weil er zum Zeitpunkt seines Erscheinens längst – aus unbekannten Gründen – seine Vaterstadt Richtung neue Welt verlassen hatte und mittlerweile in der Schweiz weilte. Schade, auch mit konstruierten Eventualitäten lässt sich das Buch nicht weiter aufwerten. Aber das macht schon deswegen nichts, weil Heines Romantische Schule nun, 176 Jahre später, in Berlin mindestens zwei neue Verehrerinnen gefunden hat, und einer davon gefällt sogar der stechende Geruch des Papiers.

Frau Katz mag Heine

Drei Blätter im irdenen Topf

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Fenster auf!

Das war zuletzt genug Bücherstaub, auf die Fenster! Herein mit Frühlingslicht, Luft und Amselkonzert! Und Straßenlärm und das Gebrüll der Droschkenkutscher nimmt man als bescheidener Mieter unterm Dache in Kauf und freut sich, noch so günstig zu logieren.

Ja, das Kleine, Trauliche, maxima in minimis! Ich gestehe meine kleinbürgerliche Neigung dazu und sage: Dem fühlte ich mich von Kindesbeinen an schon immer mehr zugeneigt als dem Großsprecherischen von Projektmanagement jeder Art und der Eroberung beider Amerika oder des Mondes. Das mögen gerne die anderen tun. Auch lässt sich neben dem summenden Wasserkessel und mit einem Muffin in der Hand weitaus bequemer an der Seite von Austen Henry Layard in Gluthitze Nimrud ausgraben oder mit Michael Strogoff durch sibirische Mückenschwärme nach Irkutsk reiten.

Aber zurück zum Fensterbrett. Was sich da tummelt, ist die botanische Wunderkammer des Biedermeier: Blasierte Rosenstöcke, verschämte Vergissmeinnicht, üppige Kapuzinerkresse, manchmal exotische Agaven, selten knorrige Olivenbäumchen, die besonders von der Homerleidenschaft junger Damen sprechen. Kakteen sind für vertrocknete Junggesellen.

Solche Motive eignen sich natürlich besonders für die Genremalerei, und selbstverständlich besser für die Darstellung eines bürgerlichen Selbstverständnisses als für bäuerliche Szenen. Die derben Menschen in den Bildern Jan Steens oder Pieter de Hoochs sind ja meist genauso pflanzenartig wie die sie umgebende holländischen Bohnenpflanzen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts überwiegen dann Zierpflanzen, die den Ausblick in die weite Welt umrahmen und zugleich Schutz vor der Ferne bieten. Selten sind Blumentopfszenen in der Literatur ausgestaltet, und nur wirkliche Meister der Sprache haben es vermocht, alle Implikationen (von Geborgenheit, Unschuld, Sehnsucht, Enge und Drang nach Draußen) dieses sehr schnell ins Kitschige umschlagenden Bildes auszuschöpfen.

Meister des Blumentopfs: Spitzweg

Meister des Blumentopfs: Spitzweg

Bei Musäus ist der Blumentopf noch nicht auf dem Fensterbrett angekommen, sondern das praktische Utensil, mit dem der kunstreiche Gärtner hinter den Kulissen für märchenhafte Pracht sorgt. Aber wie immer in seinen Volksmährchen erfreut auch diese Szene mit einer Mischung aus Aufklärung, wunderhornartigen Bildern und romantischer Ironie:

Eines Morgens, ehe der Tag heiß ward, und der Tau noch im Grase alle Regenbogenfarben spiegelte, begab sie sich in ihr Tempe, der balsamischen Frühlingsluft zu genießen, da ihr Gärtner eben geschäftig war, einige abgeblühete Gewächse aus der Erde zu nehmen und sie mit andern neuaufblühenden umzutauschen, die er in Blumentöpfen sorgfältig aufzog, welche er hernach kunstreich in die Erde vergrub, als wären sie, durch eine zauberhafte Vegetation, in einer einzigen Nacht aus dem Schoß der Erde hervorgewachsen. Das Fräulein wurde diesen artigen Betrug der Sinnen mit Vergnügen gewahr, und da sie das Geheimnis entdeckt hatte, wie die abgepflückten Blumen täglich durch andere ersetzt wurden, daß nie Mangel daran war, so gefiel es ihr, diese Entdeckung zu nutzen, und dem Gärtner Anweisung zu geben, wo und wenn bald diese bald jene Blume blühen sollte. Indem er die Augen aufhob, erschien ihm die weibliche Engelgestalt, welche er für die Eigentümerin des Gartens hielt, denn sie war mit himmlischen Reizen, wie mit einem Heiligenschein umflossen. Er wurde durch diese Erscheinung so überrascht, daß ihm ein Blumentopf, mit einer herrlichen Colocassia aus der Hand entfiel, die ihr zartes Pflanzenleben ebenso tragisch endigte, als Herr Pilastre de Rozier, ob sie gleich beide nur der mütterlichen Erde in den Schoß fielen.*

Zwischen drinnen und draußen

Das war eine gute Vorlage für den Beginn der literarischen Karriere des Blumentopfs. Aber der war ohnehin seinem Wesen nach immer scheu und bescheiden und mit Statistenrollen mehr als zufrieden. Wie wichtig gute Statisten für einen gelungenen Roman sind, hat Jean Paul gewusst. In der Unsichtbaren Loge setzt er das unscheinbare Tontöpfchen wunderbar in Szene:

Die Sonne war hinabgerückt, das Tal legte wie eine verwittibte Fürstin einen Schleier von weißen Düften an und schwieg mit tausend Kehlen. Alles war still – still kamen wir an – still war es um Beatens Hütte, an deren Fenster ein Blumentopf mit einem einzigen Vergißmeinnicht noch vom Begießen tröpfelte – still wählten wir unsere gepaarte Hütten, und unsre Herzen zergingen uns vor ruhiger Wonne über diesen heiligen Abend unsrer künftigen Festtage, über diese schöne Erde und ihren schönen Himmel, die beide zuweilen wie eine Mutter sich nicht regen, damit das an sie gesunkene Kind nicht aus seinem Schlummer wanke.**

Ja, dieses Vergissmeinnicht ist das wahre Zentrum dieser Szene, der Angelpunkt für die Ankommenden und die Wartenden, dem Drinnen und dem Draußen, dem Vergangenen und dem Zukünftigen – all das in der Betrachtung des Fensterbretts für einen kurzen Augenblick in der Schwebe gehalten und ebenso schnell wieder aus dem Fokus verschwunden wie die Wassertropfen auf den Blütenblättern trocknen.

Kleine Botaniker

Ist das alles zu viel gesehen, wo nur ein mickriges Kräutlein wächst? Manchmal ist ein schnöder Gegenstand eben mehr als er zu sein scheint. Wenngleich Signifikant und Signifikat sich nicht sehr voneinander unterscheiden (so wie Herr und Hund). Fontane hat dies mit der ihm eignen berliner Trockenheit ausgesprochen poetisch in einen kleinen Dialog gefasst:

»Sie sahen also auf die Straße und die Brückenbohlen, aber auch auf ein paar große Rosenstöcke, die Regens halber umgelegt waren und gerade unter ihnen aus dem Fenster herausguckten. Die Freunde sprachen noch, und der Hathnower wollte sich eben nach den eine Treppe tiefer wohnenden Wirtsleuten erkundigen, als ein Arm herausgestreckt wurde, der dicht über den Rosenstöcken hin einen kleinen, irdenen Blumentopf, in dem nur zwei, drei Blätter wuchsen, in den Regen hinaushielt. Ein paar Tropfen fielen auf die Blätter und auch auf den Arm; und dann verschwand er wieder. ›Es war wie eine Erscheinung‹, soll der Hathnower gesagt haben. Den zweiten Tag hielt er an. Es ist eine Steuerratstochter.«

»Das hätte ich dem Kleinen nicht zugetraut. Er ist sonst so schüchtern.«

»Die Leute wissen auch nicht recht, was sie daraus machen sollen. Die einen meinen, es habe ihn so gerührt, die Liebe zu den drei kleinen Blättern, und er habe gleich gesagt, ›die muß jeden glücklich machen‹; die andern aber meinen, Frau Gräfin verzeihen, der Arm habe es ihm angetan.«

»Es wird wohl der Arm gewesen sein«, bemerkte die Gräfin mit ruhiger Überzeugung.***

Wen das nicht berührt, der sollte sich den Cactaceae zuwenden.

J.K.A. Musäus: Volksmärchen der Deutschen, Melechsala.
** Jean Paul: Die unsichtbare Loge, Neunundvierzigster oder 1ter Freuden-Sektor.
*** Th. Fontane, Vor dem Sturm, Kapitel 27.

Lieblingsstücke No. 3: Shelley, Lyrics & Shorter Poems

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Percy Bysshe Shelley: Poetical Works in Two Volumes. Volume One: The Lyrics & Shorter Poems. With an introduction by A.H. Koszul. London: J.M. Dent & Sons o.J. [ca. 1910] (= Everyman’s Library). Kl.-8°, xx, 495 S. Olivgrüner Leinenband mit goldgeprägtem Rücken.

Eines muss ich gleich vorweg schicken: Dies ist kein wertvolles, bibliophiles Buch, sondern Massenware, auf billigem Papier gedruckt. Wer also nichts über Altpapier lesen will, möge wegklicken. Darüber hinaus ist es ein Exemplar, das nicht gerade wohl erhalten ist: Rotweinflecken, Anstreichungen und ein Tropfen Kerzenwachs auf dem Deckel machen dieses Buch zu einem Graus für alle Freunde der wohlerhaltenen (ergo meist: ungelesenen) Stücke. Es ist nichts wert, und mir wahrscheinlich gerade deswegen mehr wert, als manch anderes Buch.

Leinen oder Leder für die Geringverdiener

Der (mir bisher leider unbekannte)
Dichter Ernest Percival Rhys (1859-1946) begann gemeinsam mit dem Verleger Joseph Malaby Dent (1849-1926) im Jahr 1906, eine erschwingliche Buchreihe mit klassischer Weltliteratur herauszugeben. Nicht weniger als 1000 Titel aus allen Bereichen von Dichtung über Biografie, Romane,  Theologie bis hin zu Reise und Dramatik sollte die Everyman’s Library umfassen, und man begann natürlich mit echtem Rule-Britannia-Sendungsbewusstsein mit Boswells Life of Johnson. Auch hier nichts bemerkenswertes, solchermaßen unzählige Male geschehen mit Reclams Universal-Bibliothek, der Fischer-Bibliothek der 100 Bücher und anderen, längst zerfallenen Taschenbuchreihen. Aber eben selten geschah solches mit jenem britischen Understatement, das sich hier zeigt, ein grüner Leinenband mit ornamentalem Titel und einem  Zitat des Dichters:

Unacknowledged legistators of the world

Für mich aber vor allem ein weiteres Beispiel dafür, dass man im Vereinigten Königreich ein besonderes Organ dafür zu besitzen scheint, wie man auch den trockensten Druck- und Bildungsauftrag mit schlichtem Leinen stilvoll umsetzt. In Germanien – so bilde ich mir ein – hatten und haben solche Versuche immer etwas von Exerzierfibel für den Feldtornister, oder werden künstlich aufgebläht zu Regalmonstern, die niemand lesen mag. Auf der Insel der Seligen rezitiert man auch aus billigen Büchern die Großen mit Genuss, denn das Bewusstsein hat sich festgesetzt, dass der Dichter dem gehört, der ihn mit Herzblut liest (und dabei auch mal ein Glas Lacryma Christi del Vesuvio darüber vergießt).

Mir fiel während des Studiums (leider nur) der erste Band von Shelleys Werken in die Hände, gerade zur rechten Zeit, um Queen Mab zu lesen und mich an einer Übersetzung zu versuchen. Die perfekte Ausgabe, um darin im Eifer der jugendlichen Begeisterung Notizen zu machen. Und ich war nicht die erste. Marginalien Dem Vorbesitzer, offensichtlich ein des Englischen kundiger Landsmann, fielen bei der Lektüre allerdings (ganz anders als mir) Anekdoten über Helmholtz ein. Wahrhaftig! Bücher und Dichter haben ihr Schicksal.

Ich weiß nicht genau wieso, aber ich glaube, all das hätte Shelley, Byron und Hunt gefallen. Und ich bin am Ende ganz froh, dass ich nur einen Band der Reihe besitze. Denn alle Vollständigkeit ist am Ende nur Langeweile. Das sieht auch Frau Katz so, die ohnehin Keats den Vorzug gibt.

Von der demokratischen Zuneigung

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Es gibt ja so einige Wörter im Deutschen, für die unsere Nachbarn im Norden, Süden, Osten und Westen sich kein Äquivalent ausgedacht haben, warum auch immer.

Wenn es zu Hause langweilig wird, einfach mal auswandern

Wenn es zu Hause langweilig wird, einfach mal auswandern (Quelle: Goethezeitportal)

Und diese Wörter sind deswegen kurzerhand als grobschlächtige Neubürger in die fremde Sprache immigriert: Der besserwisseri haust nun in den finnischen Wäldern hört man, während das Waldsterben vergeblich versucht, französische Tannen zu verzehren. Der hochsztapler wurde nach Überwindung der Oder in Polen gesichtet, und die besonders deutsche angst setzt weiterhin die anglophonen Optimisten in Erstaunen. Allesamt unangenehme Zeitgenossen, die in ihrem neuen Wirkungskreis Fremdlinge bleiben werden. Vielleicht auch darum, weil das von ihnen Bezeichnete mit dem Wesen der neuen Heimat schwer vereinbar bleibt. Wie kommt es aber, dass andere Wörter nicht auswandern, die ebenfalls keine Pendants in der Fremde haben, aber ungleich feingeistiger und subtiler sind?

Der Deutsche ersinnt gern Wörter für seine Gemütszustände

Da ist zum Beispiel ein Liebling von mir, die Wahlverwandtschaft. Warum hat sie nie eine Studienreise nach England gemacht, warum nicht in den Pariser Salons Aufnahme erbeten? Wusste man mit diesem Verhältnis in den Debattierclubs der Colleges nicht recht zu argumentieren, war der Konsonantenprotz der leicht plaudernden französischen Zunge zu kantig, oder ist womöglich das Bezeichnete auch ein ganz spezieller Hirnschwurbel (Henscheid) der deutschen Romantik?

Na klar, höre ich es da schon raunen, Wahlverwandtschaft! Goethe, der kalte Kunstgreis aus Weimar, der hat den Begriff doch aus der Chemie in die zwischenmenschlichen Beziehungen eingeführt. Zu G. kein Wort, denn alles ist gesagt. Zur affinitas electiva soviel: Es ist das erste Mal, dass ich von der Chemie etwas lerne. Denn auf menschliche Beziehungen übertragen beschreibt das Wort etwas ganz Unerhörtes, nämlich die Demokratisierung der genetischen Bestimmung und die Krönung der Seelenverbindung.

Mit seinen Mitmenschen kann man in vielerlei Beziehungen stehen: Da sind die Familienbande (ein Wort, das schon für Kraus einen Beigeschmack hatte) und die etwas martialische Blutsbruderschaft (am besten mit Apachen). Es dräuen bürgerlich-rechtliche Verbindungen und allerlei unschöne Abhängigkeiten von Sitznachbarn im öffentlichen Nahverkehr. Berufliche Schicksalsgemeinschaften, die bei sog. Teamevents gerne hysterisch beschworen werden, sind besonders unangenehm. All das klingt nach Verhängnis, nach Stockholm-Syndrom und nach schulterzuckender Fügung. Auch die Liebe hat ihre Schattenseiten und ihre Glut, sie geht zum Teufel.

Lewis Carroll

Alleinsein ist nicht immer schön für die Seele, auch nicht in Britannien

Und da kommen die Chemie und Goethe und die deutsche Sprache und liefern das passende Wort, das den Weg aus diesen fatalistischen Zuständen weist: Eben die Wahlverwandtschaft. Vergesst die Freundschaft, sie wird gekündigt! Vergesst die Liebe, sie erkaltet! Nur die Wahlverwandtschaft steht über solchen Tiefschlägen.

Ist also die Wahlverwandtschaft eine rationale Liebe? Nun, sie ist Voraussetzung jeder Leidenschaft will ich meinen. Sie ist für sich genommen zunächst Anziehungskraft, συμπᾰθεία, Affinität, die allerdings per Definition dem freien Willen entspringt, und damit ist sie ausgesprochen humanistisch. Natürlich mag aus ihr wieder etwas Schicksalhaftes wie Liebe werden, dem man sich nicht entziehen kann. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Der Klebstoff in diesem Kompositum ist der Widerspruch. Die Wahlverwandtschaft ist also ihrem tiefsten Wesen nach ein Gewächs der deutschen Romantik. (Wenig erstaunlich, dass die Engländer ihre elected affinity durch ein nüchternes Leerzeichen relativieren.) Und die schönste Verbildlichung der Wahlverwandtschaft stammt – natürlich – von Philipp Otto Runge und heißt Wir drei. Es ist ein Familienbildnis, aber das zu wissen ist eigentlich ganz unnötig. Drei deutsche Gesichter sehen uns an, ein wenig müde-spirituell verklärt, zugleich ländlich-einfach und seltsam blutleer. Aber etwas unsagbar Beneidenswertes verbindet sie, eine selbstbewusste Ruhe, eine müde Leidenschaft. Es herrscht das Sowohl-als-auch von freier Entscheidung und vorbestimmter Verbindung, kurz: die Wahlverwandschaft.

Übereinstimmung

Übereinstimmung

Eines ist sicher, Wahlverwandtschaft ist eines der schönsten deutschen Wörter, das mir je über die Lippen kam. Und dem, der sie kennt, wärmt sie das Herz, denn sie ist letztlich wohl nur ein romantisches Trostpflaster für einsame Seelen. Aber einen wohltuenderen Widerspruch gab es selten.

Prinzessinnen, Sommervögel und die Aufklärung darüber

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Streng war Wieland mit dem Schwärmer Don Sylvio von Rosalva, der einem Schmetterling hinterherlief, weil er glaubte, eine verwunschene Prinzessin vor sich zu haben:

Er hatte sich schon über eine Stunde weit von seinem Schloß entfernt, als er eines wunderschönen Papilions ansichtig wurde, der sich nur wenige Schritte von ihm auf eine Blume setzte. Seine Flügel waren Lasur-blau, mit einer Einfaßung von Purpur verbrämt, die in der Sonne wie Gold glänzte. Don Sylvio glaubte ihn schon erhascht zu haben, aber der schöne Sommer-Vogel schlupfte unter seinem Strohhut weg, und verbarg sich in das dichteste Gebüsche.

Denn wie alle Menschen mit Herzensbildung war es ihm unmöglich zu glauben, nur ein schnödes Insekt vor sich zu haben.

O, rief Don Sylvio, ich muß dich haben, und wenn ich dich auch bis in das unterirdische Reich des König Hammels verfolgen müßte, wo es kleine Pastetchen regnet, und gebratne Feldhüner auf den Bäumen wachsen.*

Das Ungeheuer aus der Stadt

Natürlich war das Insekt wirklich nur ein Insekt und nichts weiter. Aber schön war es allemal und den kleinen Ausflug durchaus wert. Zumal wenn man bedenkt, wie selten diese Falter, Butter- oder Lattichvögel, Schmandlecker, Müllermaler und wie die Lepidoptera bäuerlich-freundlich hierzulande sonst noch genannt wurden, heutzutage in der 7. Etage eines Berliner Mietshauses sind. Nun würde man sich dort auf dem Balkon schon freuen, sommers Besuch von einem Zitronenfalter oder einem Pfauenauge, oder wenigstens einer klobigen Motte zu bekommen. Zu schweigen von selten gewordenen Exemplaren wie einem Widderchen, dem Feurigen Perlmuttfalter, der Goldenen Acht, dem Kleinen Sonnenröschen-Bläuling oder dem pelzigen Purpurbär, der die Sommernacht der Tagesglut vorzieht.

Sind Schmetterlingsforscher Poeten? Oder warum tragen diese meist zarten Wesen solche schönen Namen? Manche Poeten waren Lepidopterologen. Und manche der letzteren reisten in die fernsten und damit poetischsten Weltteile, um immer neue Schmetterlingswunder zu haschen – und aufzuspießen.

Ich habe nicht nur eine Schwäche für schöne Krabbeltiere und Namen, sondern auch für schöne Männer, und die Kombination aus all dem findet sich in reinster Form in Frankreich.

Dejean, der Käferfreund

Pierre François Marie Auguste Dejean, Generalleutnant im Ersten Kaiserreich und Entomologe ist ein Paradebeispiel. Er war von solcher Sammelwut befallen, dass er in einer Schlacht den Befehl zum Angriff verzögerte, um einen Käfer, den er auf einer Blume entdeckt hatte, einzufangen und in seinem Hut zu deponieren. Als sich der Kanonenrauch verzogen hatte, war nicht nur der Käfer tot, aber der Forscher war entzückt. Seine Sammlung (inklusive Schmetterlinge) übergab er an Jean Baptiste Alphonse Dechauffour de Boisduval, der wiederum die Falter und Insekten klassifizierte, die auf den Expedition der legendären Astrolabe in Ozeanien gesammelt wurden.

Als wäre das nicht schon genug Material für 367 Schmetterlingsromane und 463 Lepidoperologenelogen, hat sich die etwas wilde Natur in Afrika und Südamerika Geschöpfe ausgedacht, die der schwarzen Romantik als Wappentier dienen könnten: Falter, die sich von Tränen ernähren und die darum als Lachryphage bezeichnet werden. Ist das nicht wunderbar? Aber ab hier breiten wir den Mantel der poetischen Schamhaftigkeit über die naturwissenschaftlichen Details, und genießen ein unschuldiges Bild dieser Wesen.

Diese Realitätsverweigerung hätte Wieland vielleicht ein wenig gescholten, aber am Ende hätte auch ihm diese Entdeckung gefallen, so wie er im Grund seines Herzens auch sein naives Geschöpf Don Sylvio mochte:

Jezt reuete es ihn, daß er sich einem Schmetterling zu lieb so weit eingelassen hatte: allein, da es nun einmal geschehen war, so wollte er doch so viele Mühe nicht umsonst gehabt haben, und ließ nicht nach, bis er endlich so glücklich war den Papilion zu erhaschen, der ihm mehr Mühe gemacht hatte, als jemals eine Spröde, seit dem es Spröden gibt, ihrem Liebhaber gemacht hat.

Seine Freude war ungemein, und in der That konnte man keinen schönern Sommer-Vogel sehen. Er betrachtete ihn lange mit einem desto lebhaftern Vergnügen, je mehr er ihm Mühe gekostet hatte, und er war jezt im Begriff ihn in ein kleines Keficht zu stecken, so er zu diesem Ende bey sich trug, als es ihn däuchte, als ob der gefangne Schmetterling ihn mit einer flehenden Mine und gesenkten Flügeln anschaue. Er bildete sich so gar ein, (denn Einbildungen kosteten ihn nichts) daß er so laut geseufzt habe, als ein Papilion nur immer seufzen kan.*

Copyright: Thomas Cooper Library, University of South Carolina

* Chr. M. Wieland: Der Sieg der Natur über die Schwärmerey, oder die Abentheuer des Don Silvio von Rosalva, Eine Geschichte worinn alles Wunderbare natürlich zugeht. Erstmals Ulm 1764.

“Une nuit de Paris réparera tout ça”

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Eine Nacht in Paris, und alles ist wieder gut. Sprach der Kaiser der Franzosen am 9. Februar 1807 auf den verschneiten Feldern vor Preußisch Eylau, 1700 Kilometer oder 425 französische Lieues von seiner Hauptstadt entfernt. Sollte es so einfach sein? Mehr als 35.000 Menschen hatten sich gerade gegenseitig erschossen, mit dem Bajonett aufgeschlitzt, mit den Hufen ihrer Pferde zu Boden getrampelt, durch Granaten in Stücke gerissen oder waren einfach an Erschöpfung in den blutgetränkten Schnee gesunken.

Und noch war kein Ende in Sicht, denn weder die Russen und Preußen unter Graf Bennigsen und Fürst Bagration (nach dem Stalin 1944 den Ort der Schlacht in Багратионовск, Bagrationowsk umbenannte) noch die Franzosen mit Ney, Soult und dem schönen Murat konnten die Auseinandersetzung für sich entscheiden. Bekannt ist diese Schlacht nicht nur durch ihre besondere Verschwendung von Menschenleben (welche wäre das nicht) inmitten von ostpreußischer Eiseskälte und Schneestürme, sondern durch ihre bildliche Darstellung von Antoine-Jean Gros aus dem Jahr 1808: Napoléon visitant le champ de bataille d’Eylau le 9 février 1807.

Und das hat es mal wieder in sich: Eigentlich ist es nur die Fortsetzung des Jaffa-Besuchs mit anderen Mitteln, diesmal nicht in orientalischer Hitze, sondern in barbarischer Kälte.

Zauberei: Anklicken, und das Bild wird groß!

Diesmal keine heimtückische Krankheit, sondern Heimtücke des Gegners. Unsympathische preußische und russische Soldaten mit wutverzerrten Gesichtern krauchen am Bildrand und versuchen die Pferde der französischen Husaren mit ihren dünnen Reithosen und kuscheligen Pelzmützen (Kolpak genannt) zu klauen.

Böser Grenadier

Währenddessen erscheint vom linken Bildrand her der Kaiser mit seinem Tross: Flügeladjutanten, Aides-de-Camp und Generäle (ist das links hinter Napoleon etwa Ney?), und der Chef natürlich wieder in einem leichten Pelzmäntelchen, das er auch noch neckisch offen lässt. So leicht beschürzt, als wäre er wirklich soeben von einer Nacht aus Paris an den Ort des Geschehens gereist.

Und das überrascht alle Beteiligten, die sich magisch von diesem blässlichen Mann angezogen fühlen und sogar darüber das Wehklagen vergessen und dem Gottgleichen den Saum seines Rockes küssen wollen.

Schau, schau, der Kaiser!

Ach, wie einfach und schön kann das Leben eines Feldherrn sein, wenn man nur einen guten Herrenschneider in Paris und eine portable Heizdecke hat! Und das ist doch das Großartige an diesen Bildern, dass auf ihnen alles so herrlich leicht und einfach ist, der Winter, die Niederlage, Blut, Schmerz und Tränen. Und zwar so einfach, dass man fast lachen muss, über so viel freche Lüge im Angesicht des Elends.

Der Tapferste der Tapferen, der brave Michel Ney, sagt am Ende der Schlacht: Quel massacre! Et sans résultat! Das war wohl klüger als Napoleons Einschätzung, aber wie zur Strafe für so viel gescheite Prosa starb der Marschall 8 Jahre später durch die Kugeln französischer Soldaten. Der Tod ist eben nie poetisch und immer gleichgültig. Und alles in der Welt endet durch Zufall oder Ermüdung.

Lieblingsstücke No. 2: Shakespeare, Dramatic Works

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The Dramatic Works of William Shakespeare. With Copious Glossarial Notes and a Biographical Notice by Robert Inglis. Six Steel Engravings. Gall & Inglis: London and Edinburgh o.J. [ca. 1871]. 8°, viii, 944 S. Geprägter schwarzer Ganzledereinband mit Goldschnitt, marmoriertem Vorsatz und sechs Stahlstichen auf Tafeln.

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Das viktorianische Boudoir-Monster – so heißt dieses Buch bei mir insgeheim. Klobig, auf dünnem Papier zweispaltig gedruckt, mit aufschneiderischem Goldschnitt und seinen bestoßenen Ecken hat es wohl eher als Türstopper denn als Quell poetischer Begeisterung gedient.

In der Londoner Paternoster Row 30 befand sich eine Dependance des Verlags

Ich habe es in einem ähnlichen Gemütszustand gekauft, wie vermutlich sein erster Besitzer: Dass es etwas bleibendes, bürgerliches, gutes sei. Irgendwie gediegen protestantisch (bzw. anglikanisch) und unlesbar. Es sei denn, man möchte sich die Augen verderben und liest mal eben so den Lear am Teetisch runter. Aber mit 20 Jahren beeindruckt das natürlich. Und bei aller gesangbuchartigen Monstrosität ist es ja ein hübsches Beispiel für die englische Kultur späten 19. Jahrhunderts.

Genaueres über Robert Inglis, den Vorwort-Verfasser und Verlagsmiteigentümer, ließ sich nicht herausbekommen. Jedenfalls handelt es sich nicht um den gleichnamigen Baronet und Anführer der hochkirchlichen Partei, der bereits 1855 starb. Das Vorwort stammt von 1871. Von wem die Buchbinder von Leighton, Son & Hodge die charmante Schreibweise “Shakspeare” übernommen haben, bleibt ebenfalls ein Rätsel.

Buchbindermarke auf Kamm-Marmor

Ein insgesamt unlesbares Buch also. Nicht, dass Greenblatts Dünndruckausgabe von Norton aus dem Studium mit seinen 2 Kilo Gewicht lesefreundlicher wäre. Aber wenn schon Shakespeare, dann doch bitte nicht als Erbauungsbuch, das mit einer Lupe gelesen werden muss. Ich werde es wohl wieder als Türstopper einsetzen. Oder Aushöhlen und darin einen kleinen Damenrevolver verbergen. Das wäre dann allerdings wieder echt viktorianisch.

Felidologische Streifzüge durch Altona

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Häufig höre ich von Freunden, ich hätte die Neigung, ins Fiktive auszuweichen. Wie leicht wäre es, darauf in den Worten des bekannten Malers A. Schmidt zu entgegnen: Ja, natürlich. Nur die Fantasielosen flüchten in die Realität. Aber von Flucht in jedwede Richtung ist ohnehin keine Rede. Die Wirklichkeit ist so doppelbödig und zwiespältig, dass sie dem kecken Hirnkasten eines großen Weltendichters entsprungen zu sein scheint. Und manchmal, sehr manchmal, ist sie dabei auch wirklich reizend.

Realität in Altona, anno 1894

Aber ich bin durchaus in der Lage, mich knallhart mit Fakten auseinanderzusetzen. Und das wird folgende zoologische, genauer gesagt felidologische Randnotiz zu Th. Storms Tatsachenbericht aus dem Jahr 1864 mit dem Titel Bulemanns Haus belegen. Wer den Text nicht kennt, sollte ihn lesen. Er ist gut. Wer dazu keine Zeit hat, sollte wenigstens den Nürnberger Trichter nutzen.

Wie der Titel dieses Beitrags schon erahnen lässt, geht es um Katzen. Keine Bange, nicht um niiiiiiedliche Kätzchen, die seltsam sprechen. Es geht um zoologische Raritäten.

Was mich schon immer bei der Lektüre des Märchens umtrieb, war die bange Frage: Welche Bestien hat sich Herr Bulemann da eingefangen? Kann es mir – eine ähnlichen Anhäufung von schlechtem Karma vorausgesetzt – mit meiner Katze ähnlich ergehen?

Auch meine Mitbewohnerin ist mir zuweilen unheimlich

Werfen wir einen Blick auf die Einführung der beiden Wesen, die der ehemalige Supercargo aus Westindien nach Hamburg importiert und Graps und Schnores benamst hat:

Wie schon erzählt, hatte Herr Bulemann Frau und Kinder nicht mitgebracht; dagegen waren zwei Katzen von besonderer Größe, eine gelbe und eine schwarze, am Tage nach der Beerdigung des alten Pfandverleihers durch einen Matrosen in einem fest zugebundenen Sack vom Bord des Schiffes ins Haus getragen worden. Diese Tiere waren bald die einzige Gesellschaft ihres Herrn. Sie erhielten mittags ihre eigene Schüssel, die Frau Anken unter verbissenem Ingrimm Tag aus und ein für sie bereiten mußte; nach dem Essen, während Herr Bulemann sein kurzes Mittagsschläfchen abtat, saßen sie gesättigt neben ihm auf dem Kanapee, ließen ein Läppchen Zunge hervorhängen und blinzelten ihn schläfrig aus ihren grünen Augen an.

Waren Graps & Schnores mit der englischen Wildkatze verwandt?

[...] War dann die Nacht gekommen und hatte Herr Bulemann die bunte Zipfelmütze mit einer weißen vertauscht, so begab er sich mit seinen beiden Katzen in das große Gardinenbett im Nebenkämmerchen, wo er sich durch das gleichmäßige Spinnen der zu seinen Füßen eingewühlten Tiere in den Schlaf bringen ließ.

Doch bei dieser Traulichkeit bleibt es nicht, denn Herr Bulemann ist ein norddeutscher Ebenezer Scrooge, ja gar noch verhärteter – man sagt ihm nach, Frau und Kinder an einen Sklavenhändler verkauft zu haben. Und so wendet er sich immer häufiger auch gegen seine Kater, die einzigen Wesen, die ihn noch interessieren: Auch Graps und Schnores, die beiden großen Kater, hatten jetzt unter seiner Laune zu leiden. Hatte er sie in dem einen Augenblick mit seinen langen Fingern getätschelt, so konnten sie sich im andern, wenn etwa die Berechnung auf den Zahlentafeln nicht stimmen sollte, eines Wurfs mit dem Sandfaß oder der Papierschere versehen, so daß sie heulend in die Ecke hinkten.

Soweit noch ganz nach Brehm. Doch mit wachsender Bosheit ihres Herrn wachsen auch die Kater: Dann kam der andere Tag, und als es Mittag geworden, geschah dasselbe, was tags zuvor geschehen war. Von der geleerten Schüssel sprangen die Katzen mit einem schweren Satz mitten ins Zimmer herein, reckten und streckten sich; und als Herr Bulemann, der schon wieder über seinen Zahlentafeln saß, einen Blick zu ihnen hinüberwarf, stieß er entsetzt seinen Drehstuhl zurück und blieb mit ausgerecktem Halse stehen. Dort mit leisem Winseln, als wenn ihnen etwas Böses angetan würde, standen Graps und Schnores zitternd mit geringelten Schwänzen, das Haar gesträubt; er sah es deutlich, sie dehnten sich, sie wurden groß und größer.

Das geht natürlich nicht wirklich. Oder doch? Immerhin hinterließ uns der amerikanische Maler und Indianerkenner George Catlin (1796-1872) das Bildnis einer ungeheuren Katze auf Leinwand, betielt The Cat of Ostend. Womöglich ein naher Verwandter von Graps und Schnores aus der Neuen Welt? Aber letztlich wohl nur fett und haarig.

The Cat of Ostend

Denn Graps und Schnores sind noch nicht am Ende ihrer Verwandlung angelangt. Auf dem Höhepunkt seiner Schuldanhäufung meiden Herrn Bulemann alle Menschen – die Katzen bleiben und hindern ihn an der Flucht und bringen ihn um seine Seelenruhe: Herr Bulemann stand oben an der Treppe und rief laut und scheltend nach der Alten; aber nur das Schweigen antwortete ihm oder von unten herauf aus den Winkeln des alten Hauses ein schwacher Widerhall. Schon schlug er die Schöße seines geblümten Schlafrocks übereinander und wollte selbst hinabsteigen, da polterte es drunten auf den Stiegen, und die beiden Katzen kamen wieder heraufgerannt. Aber das waren keine Katzen mehr; das waren zwei furchtbare, namenlose Raubtiere. Die stellten sich gegen ihn, sahen ihn mit ihren glimmenden Augen an und stießen ein heiseres Geheul aus. Er wollte an ihnen vorbei, aber ein Schlag mit der Tatze, der ihm einen Fetzen aus dein Schlafrock riß, trieb ihn zurück. Er lief ins Zimmer; er wollte ein Fenster aufreißen, um die Menschen auf der Gasse anzurufen; aber die Katzen sprangen hintendrein und kamen ihm zuvor. Grimmig schnurrend, mit erhobenem Schweif, wanderten sie vor den Fenstern auf und ab. Herr Bulemann rannte auf den Flur hinaus und warf die Zimmertür hinter sich zu; aber die Katzen schlugen mit der Tatze auf die Klinke und standen schon vor ihm an der Treppe.

Ganz klar, solch eines Auftrittes ist man nur fähig, wenn man sonst die wilden Wälder Transkaukasiens und die steilen Felsklüfte Zentralasiens durchschleicht! Der wackere Titan Peter Simon Pallas hat dieses würdige Tier 1776 in Sibirien entdeckt, das Supercargo Bulemann dann wohl nach Hamburg einschleppte: Otocolobus manul, der Schröckliche.

Schlecht geschlafen, Warschau!

Seine Beute sind zwar nur Pfeifhasen und Mäuse, aber wehe dem, der seinen Zorn auf sich zieht. Und der Labskaus wird ein Übriges dazu beigetragen haben.

Das Rätsel scheint gelöst: In Bulemanns Haus geistern bis heute zwei Pallaskatzen und haben schlechte Laune. Vielleicht sollte jemand zum Füttern vorbeigehen, immerhin steht der Manul auf der Roten Liste. Allerdings ist die genaue Adresse leider verloren gegangen. Also müssen die beiden wohl auch weiterhin von Altweltmäusen leben.

Dann wurde es still, und bald war in dem ganzen Haus nichts vernehmbar als das leise Spinnen der großen Katzen, die mit ausgestreckten Tatzen droben vor dem Zimmer ihres Herrn lagen und sich das Blut aus den Bärten leckten.

Von der Polarsehnsucht

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Wo sind sie hin, die krachend kalten Winter, in denen Stein und Bein gefriert? Umsonst tragen die Berliner dieser Tage ihre Kunstfellmützen mit Ohrenklappen und ihre quietschbunten Multifunktionsjacken aus High-Tech-Synthetikfasern! Bei 6 °C wäre ihnen und dem guten Geschmack schon mit einem soliden Trenchcoat gedient.

Vor einiger Zeit erfuhr ich – ich weiß nicht mehr wie und wo – von der Existenz eines geradezu magisch wirkenden Ortes in der Karasee, eine Insel und ein Ort auf dem Festland namens Диксон, bzw. Dikson.

Dikson im Sommer, oder im Herbst, vielleicht auch im Winter

Der so wenig russisch klingende Name leitet sich ab von Oskar von Dickson, einem schwedischen Unternehmer mit schottischen Vorfahren, der zahlreiche Nordpolarfahrten finanzierte, die auch von diesem gottverlassenen Ort ausgingen. Im Jahr der Stadtgründung 1915 waren diese Expeditionen schon Vergangenheit, der Nordpol erobert, die Jahre des Zarenreiches gezählt. Immerhin wurde noch der erste russische Radiosender aufgestellt. Heute leben dort noch 639 Menschen bei einer Dezember-Durchschnittstemperatur von -20 °C in Erwartung neuer Bedeutsamkeit durch eine Erdölpipeline – und nein, sie tragen keine Jack-Wolfskin-Jacken. Aber das ist schon nicht mehr meine Geschichte.

Wappen von Dikson

Dikson hat nämlich eines der schönsten Wappen das ich kenne: In Blau ein Eisbär, der auf der nördlichen Polkappe steht und über ihm die sieben Sterne von Ursa Maior in Gold.

Das ruft so ziemlich alles wach, woran man an einem verregneten, lauwarmen Dezemberabend eigentlich denken möchte: An glasklare Kälte, einen gestochen scharfen Himmel und einen warmen Pelz, wo er hingehört: Auf den Eisbären.

Ob Nordenskiöld Dikson so gesehen hat, als er durch das karische Meer zur Mündung des Jenissei fuhr? Beeindruckender war gewiss seine Durchquerung der Nordostpassge an Bord der Bark Vega, Eisbären bei der Überwinterung im Eis 1878/79 sicher inklusive.

Nordenskiöld vor der Vega

Übrigens haben auch Schiffe ihr Schicksal: Die Vega sank 1903, eingeschlossen von Eis, als Fischereischiff vor Grönland.

Ja, das waren die Zeiten, als es noch Eis an den Polen gab, die Männer Schnauzbärte wie Walross Antje trugen, und man mit 12 Jahren Entdecker werden wollte. Heute gibt es Google Streetview und Funktionsbekleidung, und beides zerstört so ziemlich jede Illusion, die man als angehender Polarforscher haben kann. Glücklicherweise gibt es auch andere, neue Berufe, die etwa so klingen: International Branding Developer, Corporate Tactics Administrator oder Senior Web Analyst. Seltsamerweise ist das aber bereits nach 3 Sekunden alles so uninspirierend wie aufgebläht.

Ich kaufe mir jetzt eine antiquarische Ausgabe von Nordenskiölds Entdeckungsfahrt von Norwegen nach dem Jenissei und ziehe meine North-Face-Fleecejacke an. Beim Surfen im Internet wird mir immer so schnell kalt.

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